
Gesellschaftslyrik

In Zeiten der KI
Wozu denken?
Siri wird es schon in die richtige Richtung lenken.
Wozu ein Problem überdenken?
Wir haben keine Zeit zu verschenken.
Wozu selbst an den Knöpfen drehen?
Die KI ist mit einer Diktierfunktion versehen.
Wie wird das Wetter heute?
Schaut ihr keine Tagesschau mehr, Leute?
Wo geht's hin?
Was ist der Sinn?
Was tun wir?
Werden wir zum Tier?
Unfähig nachzudenken,
die entstehende Trägheit ist zu bedenken,
nach einem 8 Stunden Arbeitstag völlig leer,
Alexa hat keine Filmideen mehr.
Ins Bett gesunken,
in unsere eigene Geschichte versunken.
Versunken in eine dunkle Tiefe,
wenn doch das Gefühl in die richtige Richtung liefe -
doch wie sollen wir das wissen?
Wenn wir das Denken missen?
Die Auswirkungen sind Kriege und Gewalt.
Drum sei fleißig, gedankenvoll und habe dein Leben in eigener Gewalt.
Die KI ist nur ein Abbild unseres Denkens,
eine Niederschrift und viele unserer Gedankensprünge sind nicht integriert.
Es erfolgt ein Ergründen des ursprünglichen Herdenkens,
doch der Weg verläuft sich oft und du bist frustriert.
In dir selbst liegt die Schöpfung,
der Ursprung, der Mittelpunkt.
Nutze die KI gescheit,
sei wach und stets zum eigenen Denken bereit.
geschrieben von: Sara Leni Radzio

Hinter dem Meer
Das Wünschen verboten,
das Sein war dir verwehrt.
Es ist im Innern noch verborgen,
was immer noch an dir zehrt.
Zum Studieren kommst du her,
du schaust dich suchend um,
hinter dir das weite Meer,
und du bist noch so jung.
Kann man dir das zum Vorwurf machen?
Ein Visum ist ein Visum, ja.
Irgendwann packst du deine Sachen,
irgendwann ist das Ende nah.
Doch noch nicht jetzt!
Jetzt bist du du,
jetzt darfst du dir alles wünschen, jetzt.
Doch das Damoklesschwert schwebt auf dich zu.
Vielleicht kannst du hierbleiben?
Als erfüllter Wunsch, dein Heil.
Als unerfüllter Wunsch, dein Todesurteil.
Oh Gott! Lass „sie", nein, „ihn" bleiben.
geschrieben von: Sara Leni Radzio

Der Black-Friday-Dämon
Tapsige Schritte durch das Kaufhaus,
er berechnet alles im Voraus.
Er blickt durch gläserne Christbaumkugeln
und sucht nach Seelen zum Besudeln.
In den Kugeln siehst du das Spiegelbild,
er trägt das Black-Friday-Schild.
Fast unsichtbar steht er da,
sein Blick ist kalt, sein Lächeln starr.
Der finstere Dämon, der geizige Mammon,
schlägt zu und sucht die nächste Liaison.
Die menschliche Habgier ist sein Futter,
vor dieser warnte einst schon Martin Luther.
Seine Augen brennen feuerrot,
wertloser TamTam wird zum teuren Kleinod.
Seine gierige Zunge ist zäh und klebrig,
bald ist in den Taschen kein Cent mehr übrig.
Seine Klauen greifen nach deinem Licht,
doch deine Waffe ist der bewusste Verzicht.
Seine Hörner faszinieren dich,
bis du am Ende erkennst: Er ist bösartig.
geschrieben von: Sara Leni Radzio

Verborgene Tiefe
Eine Überschrift
sagt noch nichts über die Herausgeberschrift,
ein Coverbild
ist für den Text kein Aushängeschild.
Ein Geschenk
sagt nichts über den Inhalt,
ein Getränk
nichts über den Alkoholgehalt.
Ein Kalendertürchen
sagt nichts über das verborgene Bildchen,
die Krippenfigürchen
nichts über das Geschichtchen.
Alles muss erfahren werden,
bis in die Tiefe studiert werden,
mit Liebe angenommen werden
und tief gefühlt werden.
geschrieben von: Sara Leni Radzio

Waldbrand auf Zypern
Wenn weißer Schnee auf der Tanne liegt
und schwer auf ihren Ästen wiegt,
dann denkt niemand mehr an die Sommertage
und die vergangene Dürreplage.
Es riecht angenehm nach Feuerholz
auf dem Weg nach Agros*,
doch sieht man auch kahles, schwarzes Holz*,
Rosenduft vertreibt die Gedanken an ihr vergangenes Los.
Heute schwimmt eine leuchtende Silikonblüte auf klarem Wasser,
die Natur braucht keinen Aufpasser,
sie gibt und nimmt.
Doch welches Verhältnis stimmt?
Die Katzen, die Vögel, die Tiere erzählen es dir,
die Erde ist auch ihr Heim,
wichtig ist jeder Keim,
gerade der für Wein und Bier.
Dionysos und Aphrodite
haben sich vereint,
damit der Samen der Fruchtbarkeit keimt
und die Sonne der Erkenntnis scheint.
Drum lasst uns kämpfen,
neben verkohlte, grüne Bäume setzen,
Es braucht nur etwas „Attention",
lasst uns einfach „Liebe" freisetzen.
*Agros in Limassol ist ein zypriotisches Dorf im Troodos-Gebirge, das 1100 Meter hoch liegt. Agros ist bekannt als Produktionsstätte für Rosenwasser, Rosenöl, Rosenlikör usw.
* kahles, schwarzes Holz: Im Troodos-Gebirge sind regelmäßig Waldbrände (vor allem wegen der Hitze im Sommer), die immense Flächen Lebensraum zerstören. Eine Waldbrand-katastrophe im Juli 2025 gilt als die schwerste in der Geschichte Zyperns.
geschrieben von: Sara Leni Radzio

Streifzug einer zypriotischen Katze
Sie wollte mal was andres sehn als die Selimiye-Moschee,
die bunte, kleine Tigerkatze packte das Fernweh.
Es war doch stets der gleiche Markt, der immergleiche Basar,
jede Ecke kannte sie bei ihrem Barthaar.
Ein Sprung, ein Schritt, ganz unbeschwert die Grenze passieren –
was sollte ihr schon groß passieren?
Von den Soldaten am Posten drohte ihr keine Gefahr,
sie nahmen sie gar nicht wahr.
Diese Freiheit,
taps, taps, taps,
diese Landfreiheit,
taps, taps, taps.
Sie würde wieder heimwärts gehn, vorausgesetzt sie hatte dann genug gesehen.
Doch erst einmal die ganze Pracht der weiten Insel sehen,
ganz ungezwungen und so frei die Pfade rings begehen.
Die Häuser wurden mächtiger, die Straßen breit, die Schritte schwer,
sie wich ins Troodos-Gebirge aus, da gab es keinen Verkehr.
Die Wege waren steil, die Gipfel hoch, rau, das Felsgestein –
die lange Wanderung war wahrlich nichts fürs müde Katzenbein'.
Nach vielen Sonnen, vielen Tagen und so manch dunkler Nacht,
nachdem sie flink die Krähen gejagt und die Schlangen verzehrt hat,
da liefen ihre Pfoten heiß vom Gehn auf harten Steinen,
sie spürte jeden müden Tritt in ihren Katzenbeinen.
Diese Müdigkeit,
taps, taps, taps,
diese Reisemüdigkeit,
taps, taps, taps.
Sie kam in ein verträumtes Dorf, das im weißen Schnee lag,
Pano Lefkara, wo man schon von Weihnachten sprach.
Sie pirschte sich neben den Weihnachtsstern zum Olivenbaum,
und fand bei ihm, im alten Stall anbei, den idealen Raum.
Und neben Jesus, Josef und Maria mitten im Stroh,
da wurde ihr das Katzenherz auf einmal wieder froh.
Genau wie neben der Misbaha und ausgezog'nen Schuh'n –
sie rollte sich gemütlich ein, um endlich auszuruhn.
Ob Minarett, ob Kirchturmspitz, ob Moschee oder Kirche:
Die Insel ist für Mensch und Tier die rettende Arche.
Denn Zypern ist in ihrem Herz, es ist Liebe, die keine Grenzen kennt –
es geht nicht rückwärts, nur nach vorn, wo sich der Weg an der Gabelung trennt.
geschrieben von: Sara Leni Radzio

Commandaria, statt Glühwein
Commandaria, statt Glühwein,
zypriotische Tanzmusik
statt Weihnachtsmusik,
Speiseeis statt Schmelzeis,
Meeresblau statt Schneeweiß.
Aber auch diese Gegensätze werden gefeiert,
mit Palmen, wie hinter Schleiern,
Touristenshops verkaufen Weihnachtsmänner,
auf Tischdecken, Schneemänner.
Und mit der Schwere des Commandaria Weins,
steigt man ins Bett,
denkt an den mediterranen Sternenhimmel,
an das laute, quirlige Tagesgewimmel.
Stille kehrt ein,
vorbei mit der lauten Musik,
dem mediterranen Geschrei,
der energischen Huperei,
die Nacht lädt zum träumen ein!
geschrieben von: Sara Leni Radzio

Sylvester
Leise, kalte Winterstille,
wird abgelöst durch Silvestergeknalle und Gegröle.
Die Menschen spielen ganz verrückt,
von den Raketen sind sie entzückt.
An Kriegsorten ist das anders:
Raketen sind die grausamen Boten eines gescheiterten Nebeneinanders.
Das Schießen ist tief verstörend,
für jeden Menschen friedensstörend.
Doch hier sind die Raketen bunt,
gerade zur Mitternachtsstund'.
Wir sollten dies im Leben schätzen,
und nicht dem System und dem Miteinander zusetzen.
Zündet zum Jahreswechsel eine Wunderkerze an,
rührt einen guten Punch an,
begrüßt das neue Jahr mit Freude und Spaß–
haltet mit dem Böllern Maß!
geschrieben von: Sara Leni Radzio

Social Media auf Ex
Es flimmert in bunten Bildern,
in schnellen Schaltbildern,
schnelle Informationen mit schnellem Text,
wir konsumieren auf Ex.
Social Media,
ist schon längst eine Encyclopedia.
Gezieltes Blättern,
bewahrt uns vor dem Wettern.
Nicht alles ist schlecht.
Nicht alles unecht.
Halte die Augen auf.
Sprinte. Vergiss den Dauerlauf.
geschrieben von: Sara Leni Radzio

Berliner Schatten
Es laufen Schatten über Berliner Lampenlicht,
sie huschen, sie traben, sie haben nichts zu sagen,
doch manchmal verliert sich ein kleines Irrlicht –
in diesem kommt vergangene Geschichte zum Tragen.
Eine Seele, eingemeißelt im Messingpflaster,
damals wurden menschliche Abgründe zum Desaster.
Eine Seele, standhaft im Wind wie ein Dreimaster,
völlig ohne damalige Laster.
Und während die Schatten nun weiterlaufen,
zusammenfinden und sich wieder verlaufen,
spüre dieser oder jener Seele nach,
die sich mutig aus den Stadtgemäuern wagt,
und uns noch etwas erzählen mag.
geschrieben von: Sara Leni Radzio