
Herbstgedichte

Oktobergedanken
Schummrige Wege im Fahrradlicht,
auf jedem Pfade liegt ein Gedicht.
Und steht im Wege einmal ein Zaun,
fährt man drum herum –
die Leut‘ stört es kaum.
Dunkle Oktoberabende genießt man sehr,
hört den Wind im Blättermeer.
Kann den Fußstapfen im Laubwerk lauschen,
hört Autos und Busse vorüberrauschen.
Nach süßen Kastaniendüften
und Erdgeruch in den Lüften,
zieht man sich zurück ins warme, leuchtende Haus
und lässt seiner Kreativität freien Lauf.
Man sinniert darüber, was heut’ geschah,
wie einer im Restaurant vom Vergangenen sprach.
Er strich sich den Urlaub fürs ganze Jahr,
was auch immer der Grund für ihn war.
Noch ist es nicht zu spät,
auch wenn nun der Herbst in den Winter übergeht.
Noch kann man so vieles erreichen,
dreht man an den Schrauben und stellt neue Weichen.
geschrieben von Sara Leni Radzio

Unter Kastanienbäumen
Der Wind weht durch den Kastanienhain,
dort holen uns Kindheitsträume ein.
Sie erwachen im behüteten Versteck
und blicken weit über jeden Schattenfleck.
Sie sprechen von schützender Geborgenheit,
von Zwanglosigkeit und von Freiheit.
Sie stellen sich leise auf die Zehen,
und schauen auf alles Kommen und Gehen.
Ob Träume, ob Wirklichkeit, die Kastanie fällt zur gewohnten Stund’
auf sandigen, herbstlichen Grund.
Und lautlos öffnet sich ihre Schale,
entblößt die Frucht im Sonnenstrahle.
Eine Reflexion vom Herbstlicht,
das sich tanzend auch in deine Augen mischt.
Und ein wärmender Funke, der niemals erlischt,
weil er laut und leise von Liebe spricht.
geschrieben von Sara Leni Radzio

Der Mondkreis
Ich suche den Mond hinter weißer Heide,
doch er deckt sich bereits im dunklen Kleide,
während die Solarlichter noch funkeln,
bleibt über sein Verbleiben nur Munkeln.
Das Heidekraut flüstert mir leise zu:
„Bald gibt es eine Wiedergeburt!
Wenn alles schweigt und kein Kätzchen mehr schnurrt,
wächst in der Stille das Licht. Sieh nur zu!“
Aus dem Blut unserer Helden und Ahnen,
die nun so still zu sein scheinen,
fließt neues Leben, ist am Keimen.
Wir können den Lauf nicht verlangsamen.
Wir nehmen es an, können ruhig zu Bette gehn,
denn alles wird irgendwie weitergehn.
Aus dem Neumond wird wieder ein Vollmond entstehen,
und wir kreisen mit ihm, werden nie vergehen.
geschrieben von Sara Leni Radzio

Kein Platz für Pilze
Die Pilze sprießen aus dem Boden,
sie verteilen überall ihre Sporen.
Und feuchter Dampf steigt aus der Erde –
dass meine Pflanze bloß nicht verderbe!
Neue Erde muss sofort her,
die Strahlen der Sonne ins Zimmer,
noch kann man vieles trockenlegen,
auf neuen und richtigen Wegen.
Weg mit den kleinen braunen Hütchen!
Ohne Untermieter ist es am gemütlichsten.
Grün und gesund soll die Zimmerpflanze bleiben,
neben solcher kann ich am besten schreiben.
geschrieben von Sara Leni Radzio

Das Ahornblatt
Ein Ahornblatt klebt am Pflasterstein,
der satte Sprühregen wirkt wie Leim.
Es lässt es ein letztes Mal farbig erscheinen,
und liefert uns hundert Gründe zum Reimen.
Das Wasser wird das Ahornblatt durchdringen,
die Biomasse zum Auflösen bringen.
Der Sauerstoff wird komplett entzogen,
es wird in die Dunkelheit, ins Nichts hineingezogen.
Wie alles Leben wird es aus dem Nichts erwachsen,
wird neu entstehen und als Seele wachsen,
geboren aus einem winzigen Samen,
Amen.
geschrieben von: Sara Leni Radzio

Hirschbrunft
Ein Röhren im Forst,
es dringt in mein Gehör.
Es sind Laute, die den Wald durchdringen,
welcher Hirsch will das Weibchen bezwingen?
Ein Röhren im Forst,
es dringt in mein Herz.
Eiskalt wird mir hier,
denn im Dickicht lauert ein Tier wie ein Stier.
Ein Röhren im Forst,
Minuten später ein Schlagen von Holz.
Ich will keinen Blick in die Richtung wagen –
sind es spielende Kinder, die Schwerter tragen?
Mit weichen Knien besteige ich den Holzstand.
Wolken schieben sich vor den Sonnenuntergang.
Es ist kein Tag zum Entenfüttern auf der Bank!
Wo wird er sein? Der blutige Bühnenrand?
Ein Geweihschlagen im Forst,
ich sehe einen gewaltigen Eifersuchtsakt.
Um das Gemetzel entsteht ein Krähenhorst.
Welcher Hirsch schloss wohl vorher mit dem Leben einen Pakt?
Ich möchte nicht hier sein,
doch meine Beine sind zum Bewegen zu starr.
Ich fühle, was sie denken: Mein, mein, mein!
Ich wurde Zeuge einer grauenhaften Mahr.
Blut spritzte, Geweih spaltete sich,
sie kämpften bis zum bitteren Ende.
Die eintretende Stille stand ganz für sich,
als das letzte Röhren der Dunkelheit wich.
Und so sackte er nieder, der Verlierer,
und die Kälte in mir wurde immer spürbarer.
Ich wollte weitergehen, diese Natur nicht verstehen –
ein Glück, ein Glück sind wir Menschen mit Vernunft versehen!
geschrieben von: Sara Leni Radzio

Das goldene Band
Wir spazieren Hand in Hand
durch den bunten Park.
Der Herbst webt uns ein goldenes Band,
es verweht nicht wie der Sand.
Unsre Liebe hält das Band ganz fest,
Selbstzweifel sind verflossen.
Wir haben im „Wir“ ein gemütliches Nest,
auch wenn mal Tränen flossen.
Ich weiß noch, wie ich damals malte
und für den Kurs Geld bezahlte.
Die Zeit sollt’ schneller vorübergehen,
der Herzschmerz im Museum stehen.
Und ständig ging mein Deckweiß aus,
ich dachte: „Es fehlt noch an hellem Schein!“
Das Grau und das Dunkel, es sollte heraus –
wird da am Ende eine Narbe sein?
Doch es entstand am Herzen keine Narbe.
Du sagst: „Schau auf die bunte Farbe –
auf den gelb, roten Farbverlauf,
es wiegt jede kleine Wolke auf.“
Ich trete vorsichtig von meinem Bild zurück,
betrachte die leuchtenden Akzente.
Das Deckweiß fehlte, doch es verlor an Wert,
denn du hast mir das größte Geschenk beschert.
Ich muss dem Bild nicht jeden Glanz geben,
denn die schönsten Farben malt nun mal das Leben.
geschrieben von: Sara Leni Radzio

Herbstspaziergang am Tempodrom
Die Kastanien lassen schon die Blätter fallen
und ächzen im letzten Sonnenschein.
Und während rings alles dahin dörrt
und kaum noch einer hinhört,
zetern, schreien und weinen ganze Nationen –
wo können nur all diese Menschen wohnen?
Niemand will Kriege sehen.
Wer soll das auch verstehen?
Wer führt Menschen in den Tod?
Wer hilft in der Not?
Und was ist da im Hintergrund?
Der kalte, atomare Untergrund?
Warum Hunger leiden?
Wer will scheiden?
Begib dich auf vertrautes Territorium,
und ist’s auch nur zum Spaziergang am Tempodrom.
Nimm das Liebste an deine Hand
und fahr dein Leben nicht an die Wand.
Wandle unter dem Sternenhimmel,
träume und beginne…
geschrieben von: Sara Leni Radzio

Unterm Laub
Im Herbst leuchten keine Glühwürmchen mehr.
Wenn du verzweifelt nach ihrem Zauber sucht,
findest du ihn nicht, doch bedaure es nicht so sehr –
denn ihr Geheimnis liegt schon in der Zucht.
Die Larven ruh'n unter Blätterdecken,
wo sie sich vor der Kälte verstecken.
Sie suchen im Dunkeln nach Schnecken
und lassen sich erst vom Sommer wecken.
Wir stapfen unterdessen durch den Regen,
und küssen uns, der Anziehung wegen.
Wir sehen uns mit dem Herzen begegnen,
auf bald beleuchteten Glühwürmchenwegen.
Die Glühwürmchen, geschützt vom kalten Herbstwind,
sie träumen vom Leuchten unter den Sternen,
von Romanzen im Sommer, die Herzen erwärmen,
während sie unten am Boden die Gutachter sind.
Was ist das für ein Fremder, der das Weibchen küsst?
Glühwürmchen haben unterm Laub feine Antennen,
sie wissen die wahre Liebe als solche zu benennen
und ahnen genau, was für ein Geheimnis dahinter ist.
Es kann nur ein tiefes Geheimnis sein,
mit Wachstum und Segen.
Es kann nur ein ewiges Geheimnis sein,
von dem wir uns immer erzählen –
und das heißt Leben.
geschrieben von: Sara Leni Radzio

Das Herzblatt
In meinen Gedanken blüht,
hellgrün,
ein Lindenbaum,
ich halte meine Hand darunter, in den luftigen Raum.
Ganz sanft segelt ein Herzblatt in meine Hand,
es fühlt sich kühl an, fühlt sich leicht an,
doch der grüne Glanz wird matt und schwindet, als wäre es Nacht.
Ich erinnere mich an meine Kindheit zurück
und gehe noch ein Stück.
Was kann die Zeit schon wiegen?
Ich sehe meine Großmutter noch in ihrem Bette liegen.
Ein Gemälde an der Wand,
Phantastereien,
einen gläsernen Schrank,
Eulenfiguren als Andechteleien.
Ich versacke wie auf der Milchstraße in all meinen Erinnerungen,
doch mein Blick wird vom Flug des orange-roten Blattes eingefangen,
das bereit ist, sich dem eintretenden Zeitverfall zu beugen,
um mir im Flug den Weg der Ewigkeit zu zeigen.
geschrieben von: Sara Leni Radzio